Predigt von Kathrin Oxen, 1. Sam 20,4

Was bleibt
Predigt zu 1. Samuel 20,4 am 18. Oktober 2015 in der Georgenkirche Eisenach
Pfarrerin Kathrin Oxen, Lutherstadt Wittenberg

"Was ist Stein, was sind Eisen und Kupfer
und was sind die Throne der Könige und die Schwerter der Mächtigen?
Zu Staub werden sie werden, sagt der Herr;
aber das Wort und die Wahrheit und die Liebe, das bleibt."
(Stefan Heym, Der König-David-Bericht)

Sie waren gut vorangekommen in der Stadt, so gut, wie sie im ganzen Land vorangekommen waren. Noch besser vielleicht. Im vergangenen Jahr erst, im Mai war es soweit gewesen, oben auf der Burg. Eine wirklich würdige Feier, mit dem Adagio von Mozart und all den Liedern, die sie erst seit kurzem sangen: Ans Werk, ihr Kameraden, Über uns Gottes Befehle, Wir glauben das Neue. Und natürlich mit Festreden zur Einweihung des neuen Instituts in der Bornstraße 11. "Die Entjudung des religiösen Lebens als Aufgabe der deutschen Theologie und Kirche" lautete der Titel des Festvortrags von Professor Dr. Walter Grundmann. Er war der Inhaber des Lehrstuhls für Neues Testament und Völkische Theologie in Jena.
Sie waren gut vorangekommen und jetzt, ein Jahr später, war die Georgenkirche dran. Die gute Stube der Stadt, in der Martin Luther gepredigt hatte und Johann Sebastian Bach getauft wurde. Die war in Zeiten, in denen man etwas dafür übrig hatte, entlang den Emporen mit Bibelsprüchen geschmückt worden. Die Auswahl wurde getroffen, bevor die deutsche Theologie und Kirche sich die Aufgabe der Entjudung zu eigen gemacht hatte. So waren es fast nur Sprüche aus dem Alten Testament geworden.

Und so kam es, dass man jetzt Handwerker beauftragte. An einem Tag bauten sie ein Gerüst auf, um die Emporen erreichen zu können. Und es kam der nächste Tag, an dem sie am Morgen die Tür der Kirche aufschlossen und in das Kirchenschiff traten in ihrer Arbeitskleidung, mit ihren Farbeimern und den Pinseln. Sie waren zu dritt, ein Lehrling, ein Geselle, der Meister. Einen Plan hatte man ihnen zuvor ausgehändigt. Auf dem war verzeichnet, welche Bibelsprüche sie zu übermalen hätten und auch, welche dann neu aufzubringen wären.

Der Lehrling übernahm das Grundieren. Damit konnte er gleich schon einmal anfangen, eine Fertigkeit, die er ohnehin zu lernen hatte, wollte er je sein Handwerk beherrschen. Ein schmächtiger rotblonder Junge aus der Gegend, gerade fünfzehn Jahre alt, noch nicht ganz sicher auf der Leiter. Unten zeichnete der Geselle mit dem Meister mit Hilfe einer Pappschablone vor, wie der neue Spruch das Feld ausfüllen würde. Oben auf der Leiter tauchte er seinen Pinsel in die Farbe. Er setzte rechts in der Ecke an. Und er konnte gar nicht anders, als jedes Wort zu lesen, bevor es unter der ersten Schicht Farbe verschwand: Jonathan sprach zu David: Ich will an dir thun, was dein Herz begehret.

David und Jonathan - das war doch eine Geschichte aus dem Konfirmandenunterricht? Er erinnerte sich. Noch nicht lange her, dass er konfirmiert worden war. Von echter Kameradschaft und mannhafter Treue hatte der Pfarrer gesprochen. Soldatische Tugenden, wie man sie heutzutage, in Kriegszeiten, gewiss wieder brauchen konnte. Ein schmächtiger rotblonder Junge wie er selbst sollte auch David gewesen sein, jedenfalls am Anfang. Möglich, dass er sich deswegen so gut an die Geschichte der beiden Freunde erinnerte, dachte der Lehrling auf der Leiter.
Es war nicht schwer, sich das vorzustellen. Die Geschichte war spannend. Der Hirtenjunge David, der an den Hof des Königs kam, weil er die Harfe spielen konnte und die Traurigkeit des Königs damit vertreiben. Der nur mit einer Steinschleuder den Riesen Goliath besiegt hatte. Und seine Freundschaft mit dem Prinzen Jonathan. Allerbeste Freunde waren sie geworden, obwohl eigentlich Welten sie trennten: den Königssohn und den Hirtenjungen. "Er hatte ihn lieb wie sein eigenes Herz". An diesen Satz erinnerte er sich noch, weil er sich damals im Konfirmandenunterricht gefragt hatte, wie man eigentlich sein Herz liebhaben kann.
Der Pfarrer hatte die Geschichte auch noch weitererzählt. Endlich einmal eine Geschichte, die auch den Jungen gefiel, weil es darin um Freundschaft zwischen Männern und Krieg und Hinterhalte ging. Und um Verstecke und Schwerter und Bogen, alles Dinge, um die es auch in ihren Spielen immer wieder gegangen war, zuhause im Dorf. Und natürlich auch bei der Hitlerjugend und im Zeltlager im Sommer.
"Mach mal weiter da oben, sonst trocknet dir gleich die Farbe ein", hörte er von unten und das riss ihn aus seinen Gedanken. Da machte er weiter, der schmächtige rotblonde Lehrling, und das große, schön verzierte D von "David" verschwand unter einer Schicht dunkler Farbe. Gleich waren sie weg, die beiden Freunde, verschwunden aus dieser Kirche. Aber ihre Geschichte, die würde er nicht vergessen, auch wenn er endlich wieder herunter war von dieser verdammten Leiter.

Durch all die Schichten, die die Zeit über sie gelegt hat, dringt eine Geschichte zu uns durch, heute morgen, hier in der Georgenkirche in Eisenach. David und Jonathan, sie sind noch hier in diesem Raum. Denn sie werden sich kaum die Mühe gemacht haben damals, die Sprüche von den Emporen ganz zu entfernen, die Farbe abzuschleifen bis auf das rohe Holz. Ein paar Schichten Farbe werden genügt haben. Aufgetragen, weil es eben der Auftrag war, überstrichen, aber nicht vernichtet und auch nicht vergessen.
Sie dringt hindurch, die Geschichte, als sie wieder einmal anrücken mit Gerüsten und Farbe, um diese Kirche zu renovieren. Sie dringt durch, als sie ins Archiv gehen, um Auskunft zu bekommen über die ursprüngliche Gestaltung des Innenraums. Und dort eine Liste mit Bibelworten aus dem Alten Testament finden. Und diese Geschichte ist dabei.

Jonathan sprach zu David: Ich will an dir tun, was dein Herz begehrt. Ein Satz nur, zwei Namen, das genügt, und auch in unseren Köpfen werden die Geschichten lebendig. Der Hirtenjunge mit der Harfe und der Steinschleuder, der spätere König David am Anfang seines Weges - und Prinz Jonathan. Eine besondere Freundschaft zwischen zwei Männern. Viel Krieg und Schwert darin, aber auch viel Herz und Liebe.
Ich will an dir tun, was dein Herz begehrt. Jonathan dürfte diesen Satz eigentlich nicht sagen. König Saul, sein Vater, hat Streit mit David. König Saul hasst und verfolgt ihn und David glaubt, dass er ihn umbringen will. Die beiden Freunde treffen sich. Und noch bevor sie gemeinsam überlegen, wie es nun weitergehen kann, sagt Jonathan diesen Satz. Ohne schon genau zu wissen, was David von ihm verlangt. Ohne zu ahnen, was das für ihn bedeuten könnte und was da auf ihn zukommt. Denn schließlich ist es Jonathans Vater, vor dem David solche Angst hat.

Ein Satz unter Männern, unter Freunden. Da braucht es nicht viele Worte. Es zählt nur, dass dieser Satz an dieser Stelle gesagt wird. Egal, was du mir sagen willst, egal was gleich noch alles kommt, ich bin für dich da. Freundschaft, in einem Satz. Jonathan hat sich entschieden, gegen seinen Vater, für seinen Freund.
Und dabei ist er der Prinz und eigentliche Nachfolger seines Vaters. Es ist doch klar, auf welcher Seite er stehen müsste. Er könnte ja froh sein, seinen Rivalen auf diese elegante Weise loszuwerden. Aber stattdessen steht er da und sagt, dass er alles tun würde für diesen schmächtigen Jungen aus der Gegend mit dem rotblonden Haar. Unerklärlich ist das.
Man kann Freundschaft dazu sagen. Oder einfach Liebe. Und wer wünschte sich nicht, einmal so geliebt zu werden, so bedingungslos, so ohne Einschränkungen: Ich will an dir tun, was dein Herz begehrt.

Wo so viel Liebe ist, da ist auch Gott. Die Liebe Jonathans zu David ist ein Bild für die Liebe Gottes. Aus Gründen, die kein Mensch kennt, hat Gott ausgerechnet diesen schmächtigen Hirtenjungen ausgewählt und zum König über Israel bestimmt. In seinem Freund David erkennt Jonathan etwas von Gottes unerklärlicher Liebe. Die bevorzugt die Kleinen und Schwachen und will nichts wissen von den Ordnungen der Welt. Mit dieser unerklärlichen Liebe liebt Gott David. Mit dieser Liebe liebt Gott auch sein Volk. Das jüdische Volk, erwählt unter den Völkern nicht, weil es größer wäre als alle Völker, sondern weil er es geliebt hat.
Und Jonathan steht vor David und tut, was nicht selbstverständlich ist. Er liebt ihn. Er tut alles für ihn. Weil er respektiert, dass Gott diesen David nun einmal zum König erwählt hat und er, der Prinz deswegen nicht König werden kann. Darin willigt er ein. Und er stellt damit die Ordnung der Welt in Frage. Gehorcht nicht länger seinem Vater, sondern hört auf sein Herz. Es kann anders zugehen, ganz anders, als wir es gewohnt sind in der Welt. König, Prinz und Hirtenjunge; Lehrling, Geselle, Meister; die da oben, wir da unten; die, die was zu sagen haben und die, die gehorchen müssen. Solche Ordnungen vergehen vor der Liebe. Und wo solche Liebe ist, da ist auch Gott.

Wir sind gut vorangekommen, im ganzen Land und auch in dieser Stadt. Am Lack, der übertünchen soll, was man lieber vergessen wollte, wird gekratzt. Zu sehen ist die Geschichte, die unsere Geschichte geworden ist, voller Verirrung, voller Schuld. Von einzelnen Menschen, wie Walter Grundmann. Eine traurige Geschichte von einem, der sein Leben lang geglaubt hat, es sei gut, denen da oben zu gehorchen und ihnen zu dienen. Egal, wer gerade oben war.
Menschen wie ihn gab es viele und es gibt sie bis heute. Sie schaffen es nicht, das zu tun, was Jonathan getan hat, die Ordnung der Welt in Frage zu stellen. Nicht zu gehorchen, sondern zu lieben, ohne Rivalitäten, ohne die Angst um die eigene Zukunft. David lieben und alle, die von ihm abstammen. Zuallererst Jesus von Nazareth, den Sohn einer jüdischen Mutter aus dem Hause und Geschlecht Davids, nach dem wir uns Christen nennen.

Der schmächtige rotblonde Lehrling auf der Leiter hat seine Sache gut gemacht, damals. Von David und Jonathan ist nichts mehr zu sehen in dieser Kirche. Aber ihre Geschichte bleibt. Sie dringt durch bis in unsere Herzen.
Es gibt einen anderen Weg. Es gibt immer einen anderen Weg.
Jonathan und David zeigen ihn uns. Wir sind schon ein großes Stück vorangekommen darauf.
Jetzt bedeckt Farbe die beiden Freunde. Wir können sie nicht sehen.
Aber sie sind in unseren Herzen.
Das Wort und die Wahrheit und die Liebe, das bleibt.
Amen.

 


 

 

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Jun 3 10. Eisenacher Sonntagskonzert
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Losung & Lehrtext

22.05.2018
Wenn ich schwach bin, so hilft mir der HERR. Paulus schreibt: Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, auf dass die Kraft Christi bei mir wohne.
Psalm 116,6 2.Korinther 12,9

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